Thaddäus Posielek ist Pfarrer in "Menschwerdung Christi", Nürnberg-Langwasser
Wir leben in bewegenden Tagen. Politiker und Kirchenmänner treten zurück und stehen in den Schlagzeilen der Medien. Die Republik steht am Wendepunkt, sagt die Kanzlerin. Mit der Kirche geht es bergab, mutmaßen ihre Kritiker. Und in der Zeitung, die die Nation ins Bild setzt, wird es morgen in großen Lettern stehen: ...Jetzt hilft nur noch beten!
Mich haben in diesen Tagen ein paar Zeilen des im März verstorbenen niederländischen Seelsorgers und Schriftstellers Pater Joop Roeland OSA aufhorchen lassen. Er schreibt:
In den Querstraßen wohnen die Querdenker, die Quereinsteiger, die Querulanten. Es sind die Straßen der Unangepassten und Weltverbesserer, der Abweicher und Ketzer. In kleinen Mansardenwohnungen leben dort unzufriedene Philosophen, auch Dichter und junge Kapläne.
Die Hauptstraßen sind für Anwälte und Steuerberater. Politiker begrüßen winkend das Volk, die so genannten "Menschen". Manager, Börsenmakler, Computerfachleute sind hier in Eile. Konsumenten begutachten die Auslagen und einander und belohnen sich mit einem Eis. Fallweise fährt eine Kutsche mit einem Prälaten vorbei. Vier Ministranten ziehen die Kutsche. Durch die Hauptstraßen gehen Funktionäre ihre Wege. Es sind Parallelwege.
Nebeneinander wissen die Hauptstraßen nichts voneinander. Die Hauptstraßen bilden eine unverbindliche Parallelaktion. Nur die Querstraßen konfrontieren, stoßen an, führen zusammen. Die Wege der Menschen in der Stadt finden erst über die Querstraßen zueinander.
(Aus: joop roeland, wie die worte das fliegen lernten. Otto Müller Verlag, Salzburg Wien 2006)
Das wünsche ich mir für meine und unsere Tage: den Mut der Querstraße für die Kirche und die Politik und den Bereich, in dem ich lebe.